Open Goldberg Variations: Die Zukunft der Musikproduktion?

Ein Kommentar zu dem Projekt "Open Goldberg Variations" von Pianistin Kimiko Ishizaka.

Letzte Woche war ich auf der Classical:Next Convention in München, eine Fachmesse für Alle, die mit klassischer Musik zu tun haben. Mehr zufällig landete ich dort in einem sehr gut gemachten und gehaltenen Vortrag von Robert Douglass über sein Projekt “Open Goldberg Variations“. Dabei geht es in Kürze darum, daß über eine Crowdfunding-Plattform eine Aufnahme der Goldbergvariationen finanziert wurde, um diese dann frei (bzw. unter Creative Commons – Lizenz) im Netz verfügbar zu machen – für alle, für immer und kostenlos. Das wirkte auf mich im ersten Moment ziemlich spannend, gewagt und konsequent gedacht. Wenn sowieso niemand mehr für Musik bezahlt, wie die Muskindustrie allerorten beklagt, wenn die vielen halbkriminellen Halbwüchsigen ihre tägliche Portion Goldbergvariation sowieso illegal von russischen und philippinischen Downloadservern beziehen und Spotify den letzten ehrlichen Downloadstore in die Knie zwingt, erscheint es ja nur folgerichtig, die Musik von Anfang an kostenlos zu verteilen und kein wertvolles Budget für die erfolglose Verfolgung virtuellen Diebstahls geistigen Eigentums mehr zu verschwenden.

Das leuchtete mir also sofort ein. Außerdem scheint die tatsächliche Distribution und Rezeption dieses Projektes traumhafte Zahlen zu schreiben, von denen konventionelle klassische Musikbetriebe heute nur träumen können – allein in den ersten 5 Tagen wurde das Album über 60000 mal heruntergeladen. Damit erreicht die Pianistin Kimiko Ishizaka eine Präsenz in den privaten Musikbibliotheken, von denen die allermeisten Klaviervirtuosen, wenn nicht alle, des letzten Jahrhunderts nur träumen können.

Ist das nun also die Zukunft? Wird es in ein paar Jahren nur noch Projekte geben, die schon vor ihrer Veröffentlichung abschließend finanziert wurden, so daß sie bedenkenlos verteilt, kopiert, heruntergeladen, remixt, weiter- und wiederverwendet werden dürfen? Mit Sicherheit paßt dieses Konzept besser zu den Strukturen des Internet, wie es sich bis heute entwickelt hat, als alle bisherigen halbdurchdachten, unausgegorenen oder schlicht nicht funktionierenden Behelfskonstrukte, um in einem Raum, der von seinem Wesen her frei ist, Daten für Geld zu verkaufen. Aber: Paßt dieses Konzept auch zu der eigentlichen Zielgruppe, zu den Musikhörern, zu den Menschen? (Paßt das Internet zu den Menschen? Das ist ein anderes Thema).

Was will denn der Musikhörer, der Klassikliebhaber, der Goldberg-Variationen-Fanatiker? Das kann wohl jeder dieser  Menschen, zu denen ich mich auch zähle, nur für sich selbst beantworten. Mir jedenfalls geht es nicht in erster Linie darum, daß eine Musik umsonst ist, sondern, daß sie gut ist. Grade überlege ich, ob es funktionieren würde, wenn jemand sämtliche Beatles-Songs covern und frei ins Netz stellen würde (abgesehen davon, daß das aus rechtlicher Sicht bei den Beatles erheblich schwieriger als bei J.S. Bach ist): Wären damit die gesamten originalen Beatles-Aufnahmen überflüssig? Würde dann niemand mehr das originale “Yesterday” anhören? Eher nicht? Richtig. Es geht in der Kunst eben um Kunstwerke, daran kommt man nicht vorbei. Und musikalische Kunstwerke werden zwar von Komponisten, aber eben auch von Musikern, von Interpreten geschaffen. Also ist eine Goldberg-Einspielung von Glenn Gould, von Andras Schiff oder Murray Perahia ein ganz eigenständiges Kunstwerk. “Die Goldberg-Variationen” gibt es nicht. Insofern gibt es auch keine “Open Goldberg-Variationen.” Es gibt nur die “Open Kimiko Ishizaka Goldberg Variationen”. Und ob man nun grade die haben und hören möchte, muß eben wieder jeder selbst wissen.

Über Interpretationen kann man vortrefflich streiten, da soll jeder sagen was er will. Jedenfalls war meine Reaktion auf das Hören von Frau Ishizakas Version, daß ich mir endlich einmal meine beiden Lieblingsaufnahmen, die 1982er Einspielung von Glenn Gould sowie die Aufnahme von Andras Schiff, auf CD zugelegt habe – für Geld, versteht sich. Das gebe ich dafür auch gerne aus, denn ich bekomme im Gegenzug fantastische Kunstwerke geliefert, die mir viel mehr geben, als ich gefühlt an Geldwert dafür bezahlt habe. Ich habe also im Grunde durch diesen Deal gewonnen, besitze mehr als vorher.

Mich würde schon interessieren, inwiefern das auch anderen Menschen so geht, und ob letztendlich das Open Goldberg-Projekt der etablierten Musikindustrie nur in die Hände spielt, indem das Interesse an deren (kostenpflichtigen, aber teils sehr guten) Produkten neu geweckt wird. Richtig spannend fände ich das “Open Gould Goldberg”-Projekt. Bin mir allerdings nicht sicher, was Sony davon hält…


Kommentar schreiben
Captcha

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.