Rosario Conte: Piccinini

Über die Aufnahme der CD "Piccinini" mit Rosario Conte.

Vor einigen Tagen ist die neue CD des italienischen Lautenisten Rosario Conte erschienen: “Piccinini” heißt sie und enthält Musik von Alessandro Piccinini und seinem Sohn für Erzlaute solo. Für die Aufnahme dieser CD war ich im August 2011 für eine Woche in Italien, in dem kleinen Städtchen Rovato, nicht weit vom Gardasee. Es ist ein seltsamer Kontrast, wenn ich jetzt, im eiskalten Januar hier in Bremen, wo der frostige Nordwind um die Häuser jagt und dünner Schnee auf Dächern und Wegen liegt, an diese Woche im August denke, die wohl die heißeste und sonnigste meines letzten Jahres war. Das Kloster von Rovato, in dem wir gearbeitet und gewohnt haben, liegt hoch erhoben über der Stadt auf einem malerischen Weinberg und besteht aus einer uralten romanischen Kirche sowie einigen Nebengebäuden mit einem malerischen Kreuzgang, das meiste davon noch im originalen historischen Zustand. Es leben dort noch fünf Mönche, alte und kluge Männer, die ihr Leben mit Gebet, Gartenarbeit und Gottesdiensten verbringen. In dem ganzen Konvent herrschte eine einzigartige Ruhe und Zufriedenheit, so als ob nicht nur die Mönche mit sich, sondern auch das Kloster mit den Mönchen und der Weinberg und Garten mit dem Kloster in völligem Einklang sich befänden. Als gestresster Reisender war für mich schon die Ankunft dort eine Wohltat, nachdem ich mich in der Stadt verlaufen hatte und Padre Renzo mich, sei es Intuition oder göttliche Weisung, mit seinem klapprigen Fiat zufällig in einer Gasse auflas und mir den Aufstieg auf den Weinberg zu Fuß über rauhes Kopfsteinpflaster ersparte…

 

Dementsprechend verlief unsere Aufnahme dort: Umgeben von Ruhe und Abgeschiedenheit, in keiner Minute gestresst und ganz fokussiert auf unsere Arbeit: Auf die Musik, das Instrument, den Klang und die menschliche Begegnung, die jede Aufnahmesession mit sich bringt. Fast einen ganzen Tag verbrachten wir damit, die verschiedenen Räume des Klosters zu erkunden. Rosario spielte seine Erzlaute in der großen Klosterkirche, in der dunkel-kühlen Krypta, im Refektorium und in verschiedenen anderen Räumlichkeiten. In einem einzigen Raum fingen wir wie zufällig eine ganz besondere Art von Klang ein – im Nachhinein würde ich eher sagen, daß dieser Klang uns einfing und uns gewissermaßen befahl, dort zu bleiben. Das Instrument entwickelte plötzlich eine Wolke oder Aura aus silbrig-glänzendem Ton, der uns alle sofort in den Bann zog. Mir war von Anfang an klar, daß dieser Klang alles andere als “Mainstream” wäre und wir uns damit einem gewissen Risiko aussetzten, für ein “unpassendes” Klangbild auf der fertigen CD kritisiert zu werden. Gleichzeitig war es uns völlig klar, daß wir nur diesen Klang haben wollten und eben keinen Mainstream, was auch immer das heißen mag. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich diese Entscheidung nicht als Toningenieur oder Produzent getroffen, sondern vielmehr als gewissermaßen bildender Künstler, der spontan mit dem Material oder der Farbe, die er in einem bestimmten Moment verwenden möchte, ein Werk gestaltet, das sich ihm innerlich aufdrängt und dem er Form und Gestalt geben muß, ohne Rücksicht darauf, was später damit geschehen soll, oder ob andere Menschen das Werk schätzen oder würdigen werden. (In die CD reinhören kann man hier: PICCININI)

Ich bin froh, solch einen Moment erwischt, und mehr noch, zugelassen zu haben. Das ist gar nicht so einfach. In der Regel sind wir (“wir” als Künstler?) einem solchen äußeren oder auch nur inneren Erwartungsdruck ausgesetzt, daß unsere Handlungen schon unbewußt sich an späterer Verwertbarkeit und Anerkennung ausrichten, damit aber letztendlich und in großem Rahmen gedacht grade dieser Anerkennung und Verwertbarkeit hinderlich sind, da sie uns von dem ursprünglichen Schaffensstrom abspalten und uns nicht in unserem vollen Potential uns entfalten lassen. Damit will ich nicht sagen, daß ich mit dieser Aufnahme mein volles Potential entfaltet habe, sicher hätte man das ein oder andere besser machen können – aber das Gefühl von der Freiheit des Schaffenden, das ich hier erlebt habe, läßt mich nicht los und macht mich auch heute noch glücklich, wenn ich daran denke. So möchte ich Tonkunst eigentlich erleben: Nicht als “Dokumentation” eines Geschehens: Schon der Begriff entfernt mich meilenweit von dem Inhalt meiner Arbeit – sondern als ein eigenständiges (und eigenverantwortliches!) Kunstwerk, das mit dem Werk des Musikers eine Symbiose eingeht und ein neues Bild, einen neuen Klang, eine neue Musik erschafft.
Diese CD-Aufnahme ist nicht eine Wiedergabe der Musik Piccininis, nicht des Spiels Rosario Contes, nicht des Klangs des Klosters – sie ist das alles und gleichzeitig noch mehr und noch etwas anderes. Das zu erfassen wünsche ich den Hörern dieser CD.

Nebenbei ist es aber auch wunderbare Musik, gespielt von einem fantastischen Musiker, der sich nicht scheut, seine Lebendigkeit und Emotionalität vollkommen natürlich und “geschmackvoll” in seine Kunst einfließen zu lassen, der sich an der unglaublichen Virtuosität und Geschmeidigkeit seines Spiels selbst so kindlich freuen kann und dabei so demütig dem Meister, dem er diese Kompositionen verdankt, huldigt. Ich bin sehr froh, mit Rosario arbeiten zu dürfen.

Rosario Conte: Piccinini

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